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Spukhafte Fernwirkung
(oder Demokrits Erbe)

Referat
von
Sebastian Siegmund und Kai Heßing
( Februar 1995 )

Durch Untersuchung der subatomaren Teilchen konnten die Physiker herausfinden, aus welchen Grundbausteinen die Materie besteht und welche Grundkräfte in der Natur am Werk sind. Trotz dieser spektakulären Erfolge glauben viele Wissenschaftler, daß die analytische Methode kein vollständiges Bild der natürlichen Wirklichkeit liefern kann. In den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts deuteten Arbeiten von Niels Bohr, Albert Einstein und anderen darauf hin, daß die Gesetzt der Physik die Möglichkeit einer vollständigen Analyse grundlegend einschränken. Dies ergab sich aus einem Wissenschaftszweig namens Quantenmechanik, der sich mit Atomen, Molekülen und subatomaren Teilchen beschäftigt. Aus der Quantenphysik ergibt sich, daß ein einfaches Teilchen, etwa ein Elektron oder ein Photon, im allgemeinen zu einem umfassenderen physikalischen System gehört, welches als etwas Ganzheitliches betrachtet werden muß. Der Versuch, ein Quantensystem einfach als eine Ansammlung individueller, getrennt voneinander existierender Teilchen zu betrachten, führt unweigerlich zu paradoxen, widersprüchlichen Ergebnissen.
Die Schlüsseleigenschaft der Ganzheitlichkeit (holistisch) der Quanten ist die sogenannte Nichtlokalität. Einstein selbst hat sie 1935 in einer berühmten Arbeit beschrieben, die er zusammen mit Boris Podolsky und Nathan Rosen veröffentlichte. David Bohm und John Bell haben die Idee in den fünfziger und sechziger Jahren weiterentwickelt.
Man stelle sich vor, ein Pion (kurzlebiges Elementarteilchen, das beim Zusammenstoß zwischen Proton und Neutron entstehen kann) zerfällt in zwei Photonen. Diese rasen aus- einander und können an weit voneinander entfernten Orten beobachtet werden. Nach den Regeln der Quantenmechanik besitzen die beiden Photonen keine wohldefinierte, getrennte Existenz, bevor sie beobachtet werden. Statt dessen bilden sie ein sog. "verwickeltes" System: Meßbare Eigenschaften des einen Photons hängen in raffinierter Weise von den Eigenschaften des Anderen, weit entfernten Photons ab. Die praktische Bedeutung der Quantenverwicklung besteht nun darin, daß sich bei Messungen an beiden Photonen zur gleicher Zeit "korrelierende Ergebnisse" zeigen: Der Wert, den man bei der einen Messung erhält, ist auf rätselhafte Weise mit dem der anderen Messung verbunden. Die widerspricht der sog. Lokalität, wie sie in der klassischen vorkommt. Ohne diese Wirkung nur aus nächster Nähe (Lokalität) könnte die wissenschaftliche Analyse nicht funktionieren. Nun zeigt sich aber, daß sich Gruppen von Quantenteilchen ganz entschieden nichtlokal verhalten, also ein nicht zerlegbares holistisches System bilden, das im Allgemeinen nicht weiter analysiert werden kann. Einstein hielt diesen Schluß für so absurd, da er seiner Relativitätstheorie widersprach, das er ihn als Argument gegen die Quantenmechanik ins Feld führte. Er hielt deshalb an der Überzeugung fest, daß Experimente irgendwann bestätigen würden, daß die Quanten-Nichtlokalität inexistent ist.
Leider konnte Einstein nicht mehr erleben, daß das 'Einstein-Podolsky-Rosen Experiment' tatsächlich im Labor durchgeführt wurde, welches die Nichtlokalität endgültig bewies.
Wenn man Photonen, die sowohl Teilchen als auch Welle sein können, durch ein Doppelspalt schickt, entsteht das bekannte Interferenzmuster. Da ein Teilchen, das nach klassischem Verständnis kein Interferenzmuster bilden kann, dieses trotzdem bildet, muß man davon ausgehen, daß das Teilchen beide Spalte gleichzeitig durchquert. Diesen Zustand des Youngschen Systems könnte man als eine Art hybride oder schizophrene Wirklichkeit betrachten. Dies gibt schon eine Andeutung der Nichtlokalität. Falls man nun versucht experimentell festzustellen, welchen Spalt das Photon durchquert verschwindet das Interferenz- Muster und es kommt zu einer Entweder-oder-Situation. Dies wurde später auch durch das Rochester Experiment bestätigt. Mit Hilfe eines doppelt-brechenden Kristalls wurde ein Photon in zwei identische Zwillingsphotonen, die jeweils die Hälfte der ursprünglichen Energie besitzen, umgewandelt; jedes verläßt den Kristall in einer etwas anderen Richtung als das Andere. Hierdurch kann man den Weg des Photons beobachten, ohne ihm jedoch in die Quere zu kommen. Trotzdem tritt kein Interferenzmuster auf. Erst dann, wenn durch das Entfernen eines Blockes der Weg nicht mehr klar durch den Detektor feststellbar ist, entsteht wieder das altbekannte Interferenzmuster. Irgendwie wußte das Zwillingsteilchen also, daß sein Brüder beobachtet wurde, obwohl diese weit voneinander entfernt waren. Allein durch die bloße Möglichkeit den Weg des Photons beobachten zu können, verschwand das Interferenzmuster. Die selben Ergebnisse brachte ein ähnliches Experiment, das Berkley-Experiment. Mit Hilfe dieses Experiments war es den Forschern möglich, erst nachdem das Photon seinen Weg zurückgelegt hatte, unter Benutzung von Polarisationsverdrehern, zu entscheiden, ob sie den Weg des Photon beobachten, oder nicht. Trotzdem kam es zum oben genannten Effekt, so daß man zu dem Schluß kommen könnte, daß das Photon schon vorher weiß, wie sich der Forscher entscheidet. Diese Experimente bestätigen David Bohms Vorstellung von einem holistischen Universum. Wann immer zwei Atome oder subatomare Teilchen auf natürliche Weise zusammenstoßen und sich wieder trennen, sind sie durch holistische Quanteneffekte miteinander verstrickt. Dieses Muster kann sich bis ins Unendliche erstrecken. Hiermit könnte man nun Bohms Theorie bestätigen, daß das Weltall nicht nur eine Ansammlung von Teilchen ist, sondern etwas Ganzes.
Diese oben beschriebene Fernwirkung kann sich über Lichtjahre hinweg fortsetzen. Wenn zum Beispiel zwei Teilchen, die einmal innig miteinander verbunden waren, getrennt werden und dann eines dieser Teilchen seinen Spin ändert, ändert das Andere in genau diesem Moment ebenfalls seinen Spin. Dies widerspricht allerdings der Einsteinschen Relativitätstheorie, die besagt, daß Informationen nicht schneller als mit Lichtgeschwindigkeit ausgetauscht werden können. Nach Bohm gibt es überlichtschnelle Verbindungen, die aber so vergänglich sind, daß man sie technisch nie nutzen könnte, so daß Einsteins Gesetze "im Großen" erhalten bleiben. Die Standarterklärung der Quantenphysiker ist sogenannte Kopenhagener Deutung, benannt nach dem Wirkungsort des Physikers, der sie formulierte: Niels Bohr. Sie besagt, daß es keine Realität gibt, sondern nur Meßergebnisse.
Als einer von Einsteins Schüler, David Bohm, der die Vorstellung von einer Wirklichkeit, die immer da ist, ernst genommen hat, daraus eine Quantenphysik entwickelte, die alle Paradoxen beseitigte, ergaben sich darüber hinaus phantastische Konsequenzen, die weit über alle wissenschaftlichen Erkenntnisse hinausreichen. Das bekannte Grundproblem der Quantenphysik ist der Welle-Teilchen Dualismus. Aus diesem Doppelcharakter der Welt ergeben sich alle Paradoxen, Denkschwierigkeiten und quantentypische Phänomene, wie zum Beispiel die Unschärferelation von Werner Heisenberg. Erscheint uns das Elektron als reines Teilchen, kennen wir zwar exakt seinen Ort, wissen aber nichts über seine Geschwindigkeit.
Erscheint uns das Elektron dagegen als reine Welle, kennen wir seine Geschwindigkeit, jedoch nicht seinen Ort, da die Welle im Raum verteilt ist. Die Frage wäre nun, wann wandelt sich das Elektron vom Teilchen in eine Welle bzw. umgekehrt? Und vor allem warum und wie. Nimmt man nun nach der Kopenhagener Deutung das Elektron als reine Erscheinung, läßt sich diese Frage nicht beantworten. Sollte man es versuchen, ergeben sich die oben genannten Paradoxen. Auch der mathematische Formalismus hilf uns hier nicht weiter. Seit den zwanziger Jahren werden quantenphysikalische Erscheinungen mit Hilfe der Schrödinger Gleichung beschrieben. Diese Gleichen des österreichischen Physikers enthält als Kernstück eine Welle namens Psi. Doch diese Welle ist keineswegs gleich er Welle, in die sich ein Elektron beim Durchgang durch ein Doppelspalt verwandelt. Die Psi-Welle ist etwas so abstraktes, daß man sie gar nicht richtig deuten kann. Irgendwie hat sie mit Wahrscheinlich- keiten zu tun, ohne selbst eine Wahrscheinlichkeit zu sein. Gleichzeitig kann man durch einen mathematischen Trick aus ihr teilchenähnliche Zustände herausholen. Aber dies alles ist sehr undurchsichtig, abstrakt, unanschaulich, und meist auch unverständlich.
Der kürzlich verstorbenen Physiker Bohm fand eine Lösung dafür, die sowohl erstaunlich einfach als auch Philosophisch sehr befriedigend ist. Er behauptet, es gibt Teilchen. Sie sind immer da, verwandeln sich nie, sind real und existieren unabhängig davon, ob sie nun beobachtet werden oder nicht. Und: Es gibt eine Welle, die sie führt; deshalb heißt sie Führungswelle. Diese Welle ist etwas komplizierter als die Psi-Welle, speist sich aus einer noch unbekannten Kraft, hat Eigenschaften einer Information und ist sehr wandlungsfähig. Bohm nannte seine Entdeckung Quantenpotential. Eine technische Kleinigkeit macht aus diesem Potential etwas ganz besonderes und aus einer interessanten mathematischen Theorie eine Quelle großartiger und weitreichender spiritueller Erkenntnisse. Zuerst die Mathematik: Das Potential kommt im Zähler und im Nenner vor, wie etwa in dem Ausdruck (x-1)/x. So harmlos die aussieht, die Folgen sind weitreichend, und das ganz wörtlich. Denn selbst wenn die Kraft x kleiner wird, etwa weil sie im Laufe der Zeit, oder über den Raum abnimmt - der Ausdruck selbst, das Potential, wird nicht weniger! Die Stärke des Bohmschen Quantenpotentials (der Führungswelle für die Bewegung von Elementarteilchen) ist also unabhängig von Raum und Zeit, und dies bedeutet: Verbindungen über weite Entfernungen werden nicht schwächer. Sie sind, wie die Physiker sagen, nicht-lokal, beschränken sich nicht auf die unmittelbare Nachbarschaft. Einstein-Podolsky-Rosens auseinanderfliegende Elektronen können nun ganz zwanglos in unverminderter Stärke über das gesamte Universum hinweg miteinander kommunizieren, und auch die Zeit spielt dabei keine Rolle. Die Einführung des Quantenpotentials war der Anfang einer ungewöhnlichen wissenschaftlichen Entwicklung. Als Bohm seinen mathematischen Apparat auf die Bewegung von Photonen anwenden wollte, kam er in Schwierigkeiten. Er löste sie durch Einführung einer weiteren Führungswelle, sie Super- Quantenpotential nannte. Es beeinflußt das normale Quantenpotential und wird somit zu einer Führungskraft zweiter Stufe. Wenn nun, so dachte Bohm, Stufe zwei nicht das Ende ist, sondern die zweite Stufe einer unendlichen Stufenfolge immer höherer Führungswellen, dann - so seine Spekulation - könnte man eine ganze Menge bisher unerklärlicher Phänomene verdeutlichen. So könnte das Quantenpotential Stufe drei die Formen des Lebens beeinflussen, womit Rupert Sheldrakes morphogenetische Felder eine physikalische Grundlage bekämen. Stufe vier könnte die Vorgänge in unserer Seele begleiten, sozusagen die Mathematik zur Verfügung stellen, die Siegmund Freud für seine Seelenforschung gebraucht hätte. Stufe fünf enthielte jene Gesetzte, die unser Bewußtsein beherrschen - oder erzeugen. Und dann? Irgendwann kämen wir auf diese Weise zu Bewußtseinsstufen, die nur höheren Wesen zu eigen sind. Stufe unendlich schließlich, die radikalste, tiefste und gleichzeitig höchste Ordnung, wäre vielleicht Gott.
Aber wohl nicht unser Schöpfergott, eher das indische Konzept des Brahman oder Atman, in dem das ganze Universum enthalten ist und der dieses Universum immer wieder aus sich heraus erschafft. Wie Bohm sagte: Das Universum betrachtet sich selbst im Spiegel unseres Bewußtseins. Was umgekehrt bedeutet, daß unser Bewußtsein den ganzen Kosmos in sich enthält.
Beim nachdenken über Stufenfolge der Quantenpotentiale gelangte Bohm zu einem Konzept, welches er den Gegensatz von eingefalteter und entfalteter oder ausgefalteter Ordnung nannte. Die Idee dazu kam als er ein verblüffendes Experiment beobachtete. Zwischen zwei Glaszylindern befindet sich Glyzerin. Gibt man einen Tropfen Tinte in die farblose Flüssigkeit, dann ist er deutlich zu sehen. Dreht man nun den inneren Zylinder dann wickelt sich der Tropfen Tinte allmählich ins Glyzerin ein, bis er zu einem lagen, dünnen Faden wird, der schließlich verschwindet. Der überraschende Teil des Experimentes ist nun, wenn den Zylinder nun wieder in die andere Richtung dreht kommt der Tintentropfen langsam wieder zum Vorschein, bis er zuletzt in seiner ursprünglichen Form, als Tropfen, vorliegt. Er wurde also "ein- und wieder ausgefaltet". Ein anderer Vergleich macht die Angelegenheit noch anschaulicher. Stellen wir uns vor, wir fotografieren eine Vase, auf der ein Stern aufgemalt ist und darunter ein Kreis. Auf dem Bild ist die Anordnung aller Eigenheiten der Vase annähernd die Gleiche wie auf dem Original. Nun bilden wir die Vase als Hologramm ab, und es ist absolut nichts mehr von der ursprünglichen Ordnung zu erkennen. Wir können im Hologramm nicht mehr angeben, wo der Stern codiert wurde und wo der Kreis zu liegen kam. Die sichtbare (ausgefaltete) Ordnung der Vase hat der unsichtbaren (eingefalteten) Ordnung des Hologramms Platz gemacht, und Letztere ist weitaus komplizierter als die Ursprüngliche.
Dennoch gelingt es uns, durch bestrahlen mit Licht im richtigen Winkel, die ursprüngliche Ordnung aus der eingefalteten Ordnung des Hologramms wieder herauszufalten. Im Unterschied zum gewöhnlichen Foto hat das Hologramm eine bemerkenswerte und immer wieder verblüffende Eigenschaft: Selbst in einem kleinen Teil des Hologramms ist das gesamte Bild enthalten. Die Ordnung des Objekts wurde gleichzeitig auf einen Punkt komprimiert und über das ganze Bild ausgebreitet. Das Geheimnis diese Umwandlung: Die Punkte (gleich Teilchen) des Objekts wurden in Lichtwellen verwandelt. Ein Punkt hat ein bestimmten Ort; eine Welle nicht. Deshalb ist die Information, die vorher in dem Punkt steckte und dann auf eine Welle übertragen wurde, nunmehr im ganzen Raum verteilt - wie die Welle, die sie trägt. So scheint auch unser Gedächnis zu funktionieren: Ein "Punkt" in der Welt, nämlich ein Ereignis, wird durch elektrische Wellen als Erinnerung über das ganze Gehirn verteilt. Und so ähnlich können wir uns auch die Welt vorstellen: Als kosmisches Hologramm. Aber diese Welt ist nicht statisch; sie verändert sich pausenlos in einem ständigen Wechselspiel zwischen Ein- und Ausfaltung, zwischen der Auflösung von Teilchen in eine Welle und der Verdichtung von Wellen zu Teilchen.
Dies besonders deutlich im schöpferischen Akt. Wie viele Künstler beschreiben, kommt die Inspiration in nur einem Augenblick, d.h. das Kunstwerk war schon vorher vorhanden und wurde nur ausgefaltet. Ähnliches berichten auch berühmte Mathematiker. Ist es nicht eigenartig, daß Bohm das Universum als atmend bezeichnet, wo doch die großen Mystiker aller Religionen im richtigen Atem den Zugang zu höheren Sphären des Bewußtseins suchen (Zen-Buddhismus). Für unseren Alltag könnten wir den beruhigenden Schluß ziehen, daß wir nie allein sind, denn unsichtbare Bänder verknüpfen uns mit unseren Nachbarn auf dieser Erde - selbst bis hin zum Ende des Universums.